Das Himmelreich ist wie ein Krankenhaus

Die Krankenschwestern und Pfleger, die dort arbeiten, waren selbst mal Patienten. Der Chefarzt des Krankenhauses hat aus Mitgefühl und Liebe zu den kranken Menschen buchstäblich sein Leben geopfert, damit es ein Heilmittel gibt. Da er als Einziger nicht infiziert war, lag die Rettung in seinem Blut. Viele wurden schon gerettet. Da es aber noch so viele Patienten gibt und täglich neue dazu kommen, wird jeder, der geheilt ist, eingeladen, sich um die Kranken zu kümmern und die Medikamente zu verteilen.

Einige, die gesund geworden sind, kennen jedoch kein Mitgefühl und wollen gar nicht helfen. Sie erfreuen sich ihres Lebens, sind undankbar und interessieren sich eigentlich doch nicht mehr so sehr für den Arzt.

Andere haben um das Heilmittel gebeten, es auch bekommen, aber sie waren so lange krank, dass sie sich nicht wirklich aus dem Krankenbett trauen. Sie bilden sich ein, dass die Symptome noch da sind und werden mit viel Liebe und Geduld vom Arzt und seinen Mitarbeitern ermutigt und mobilisiert, damit sie die Gesundheit, die sie empfangen haben, auch leben können.

Wieder Andere haben so schreckliche Angst davor, dass sie wieder krank werden könnten. Sie versuchen sich von allen Kranken fernzuhalten, glauben nicht, dass es Immunität gibt und sind durch diese Angst gelähmt. Sie können die neu gewonnene Freiheit kaum genießen und erst recht nicht für den Arzt arbeiten.

Aber natürlich gibt es auch die, die gesund geworden sind, sich vom Arzt alles beibringen lassen haben und voller Hingabe ihre Zeit und Liebe gehorsam in die Pflege der Patienten investieren. Manchmal ist es eine mühsame Arbeit. Obwohl viele gesund geworden sind, gibt es immernoch viele Patienten, die an die Wirkung des Heilmittels nicht glauben und dem Arzt nicht trauen. Es ist schwer ihnen überhaupt klar zu machen, dass sie krank sind, da sie von Geburt an krank sind und es deshalb nicht anders kennen. Niemand bekommt gegen seinen Willen das Medikament. Daher kommt es doch häufig vor, dass trotz aller Mühe Patienten sterben, während das Heilmittel an ihrem Bett steht.

Es gibt einige motivierte Mitarbeiter, die hin und her gerannt sind, Doppelschichten geschoben haben, die Warnungen des Arztes nicht hörten, sich über die faulen Kollegen ärgerten und deshalb ausgebrannt sind. Sie sind zu erschöpft, um den Patienten weiter zu helfen oder die Anweisungen des Arztes zu befolgen.

Andere der eifrigen Mitarbeiter des Krankenhauses wollen wirklich gerne mitarbeiten, machen sich aber große Sorgen, um ihre eigenen Fähigkeiten. Obwohl der Arzt ihnen die weißen Kleider, die alle Gesunden bekommen, und das Medikament gegeben hat. Außerdem hat er ausführlich aufgeschrieben, wie sie sich den Patienten und den Kollegen gegenüber verhalten sollen. Trotzdem haben sie Angst etwas falsch zu machen. Sie sind sich auch nicht sicher, wo ihre Stärken liegen und welche Aufgabe im Krankenhaus die richtige für sie ist. Also machen sie lieber gar nichts und konzentrieren sich hauptsächlich auf die eigenen Fähigkeiten und die eigene Ausbildung, so dass sie selten einem Patienten begegnen.

Manche der engagierten Mitarbeiter haben auch festgestellt, dass das Krankenhaus langsam baufällig wird. Es sind noch so viele Patienten hier, aber das Haus hält nicht mehr lange, sorgen sie sich. Also fangen sie an sich mehr um das Haus zu bemühen. Sie versuchen alles Instand zu halten. Der Umgang mit den Ressourcen ist ihnen besonders wichtig, aber auch Ordnung und Sauberkeit. Das Heilmittel steht zwar unbegrenzt zur Verfügung, aber andere Dinge werden nicht mehr lange halten – wie Wasser, Strom und Nahrungsmittel für alle Patienten. Sie haben also angefangen all ihre Zeit und Kraft ins Gebäude zu investieren. Eigentlich hatte der Arzt gesagt, dass das Gebäude schon alt ist und er das Krankenhaus nicht mehr lange führen wird. Die Aufgabe war klar: So viele Patienten heilen wie möglich, bevor das Gebäude abgerissen wird. Aber diese Mitarbeiter haben die Hoffnung, dass sie den Verfall des Gebäudes aufhalten oder zumindest hinauszögern können. Immerhin fühlen sie sich hier zuhause und wohl und können sich ein Leben außerhalb des Krankenhauses gar nicht vorstellen. Obwohl der Arzt mehrfach versichert hat, dass es für alle Mitarbeiter ein bereits fertiges, neues Gebäude gibt. Für jeden hat er liebevoll eine Wohnung eingerichtet und freut sich, dass die gesunden Helfer bald alle von der Arbeit im Krankenhaus ausruhen und mit ihm das neue Gebäude genießen dürfen. Aber Veränderungen machen ihnen Angst. Also halten sie so sehr am alten Gebäude fest, dass sie die Patienten kaum noch beachten, wenn sie in die Zimmer kommen, um den Putz auszubessern oder die Fenster zu putzen.

Wieder Andere haben wirklich gehorsam ihre Aufgaben gemacht. Sie haben gute Erfahrungen mit den Patienten gesammelt und nun eine ganz klare Vorstellung davon, wie die Arbeit im Krankenhaus zu laufen hat. Bis ins Detail haben sie alles reglementiert und die Anweisungen des Arztes interpretiert, erweitert, ausgelegt und Schwerpunkte definiert. Dies lehren sie auch den anderen Mitarbeitern. Wenn sich alle an ihre Anweisungen halten, sind sie sich sicher, wird die Arbeit viel effizienter. Das Problem ist, dass sie uneinig sind. Da Jeder unterschiedliche Erfahrungen im Umgang mit Kollegen und Patienten gemacht hat, hat jeder seinen Schwerpunkt auf eine andere Anweisung gelegt.

Am meisten wird die Arbeit im Krankenhaus jedoch durch solche erschwert, die krank sind, sich aber benehmen als wären sie gesund. Sie haben Fälschungen der Mitarbeiterkleidung angefertigt und imitieren das Verhalten der Mitarbeiter so gut, dass sie kaum zu unterscheiden sind. Einige von ihnen verabreichen selbst vorbildlich Medikamente und haben zur Heilung vieler beigetragen, obwohl sie selbst nicht geheilt sind. Da sie den Arzt nicht persönlich kennen und selbst krank sind, verstehen sie nicht wirklich was es bedeutet gesund zu sein und verwirren zum einen mit ihren Sichtweisen die echten Mitarbeiter, zum anderen aber auch einige Patienten, die meinen, dass sie vielleicht doch nicht krank sind oder dass man die Krankheit durch deren Ignoranz oder durch gesundes Verhalten heilen kann. Die meisten von diesen geheuchelten Gesunden, glauben selbst, dass sie gesund sind und das Medikament nicht brauchen oder bilden sich ein es mal empfangen haben zu müssen (sonst könnten sie ja nicht wie die Gesunden durch die Flure laufen).

Während also Einige in der Tür des Patientenzimmers stehen und lautstark darüber streiten, wie es denn nun richtig ist. Andere parallel den Schimmelfleck an der Decke behandeln wollen. Wieder Andere ihre Gesichter in Ausbildungsbücher steckend über die Flure rennen und dabei diejenigen anrempeln, die überglücklich über die Heilung, versuchen das Glücksgefühl durch bestimmte Verhaltensweisen irgendwie festzuhalten. Manche, überfordert von dem ganzen Trubel, müde von der Arbeit oder aufgrund der Überzeugung, dass sie sich erst einmal um sich selbst kümmern müssen, bevor sie sich um andere kümmern können, haben sich in ruhige Ecken zurückgezogen. Einige wenige suchen gleichzeitig im Slalom laufend, Kopf schüttelnd über die Geschäftigkeit, allen ausweichend, die sie verwirren wollen, das nächste Patientenzimmer.

Während nun all das im Krankenhaus geschieht, merkt niemand von ihnen, wie ihr Verhalten die Patienten verunsichert und welch falsches Bild sie auf den Arzt werfen. Sie haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass Patienten sterben und bemerken nur beiläufig das einige verzweifelt das Krankenhaus verlassen, sich gegenseitig die Ressourcen wegnehmen, Kinder töten, damit die Ressourcen länger halten, und über das Krankenhauspersonal schimpfen.

Keiner sieht den Arzt, der mit Tränen in den Augen und unendlicher Liebe im Herzen weiß, dass sie eines Tages alle verstehen werden. Bis dahin versucht er immer noch jedem seiner Mitarbeiter liebevoll und geduldig zu erklären, dass die Aufgabe ganz einfach ist: Tu, was ich dir sage! Verteil das Heilmittel! Schau auf mich, ich mache es dir vor. Verhaltet euch wie Gesunde, dann werden sich die Patienten ihrer Krankheit bewusst und gerne das Heilmittel annehmen.

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Johannes 13, 34-35

Eveline Wilms

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