Von Integration, Miteinander leben und Liebe

Lilli von Mit Kindern Glauben (Lehrerin) und Martina von Jolinas Welt (Mama einer Tochter mit Down Syndrom), haben eine Blogparade gestartet, in der sie Eltern behinderter Kinder und solcher mit besonderen Bedürfnissen fragen, was diese sich von Gesellschaft, Staat, öffentlichen Einrichtungen, Kindergarten und Schule oder einfach von anderen Menschen wünschen, damit ein besseres Miteinander möglich ist. Die Beiden haben viele gute Fragen als Anregung gestellt, die ich alle nicht beantworten kann. Und doch richtet sich die Blogparade an mich und ich kann auch genau sagen, was ich mir wünsche.

Ich habe selbst zwei Kinder, die aus der Norm fallen. Über die Geschichte und die Behandlung unserer jüngsten Tochter habe ich auf Klumpfußstories geschrieben.

Auch einer unserer Söhne ist ein besonderes Kind, dem die meisten das auf Anhieb nicht anmerken oder ansehen, aber er weiß sehr wohl, dass er „anders“ ist.

Was also wünsche ich mir für meine Kinder? Es reicht mir nicht, dass die Gesellschaft sich anpasst oder Vorkehrungen trifft damit meine Kinder mitleben können und dürfen. Es reicht mir nicht, dass sie integriert und toleriert werden. Ich will nicht, dass jemand sie aus Pflichtgefühl, aus Mitleid oder irgendeinem ritterlichen Gedanken heraus zum Geburtstag einlädt.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder geliebt werden!

Ich wünsche mir, dass meine Kinder so wie sie sind geliebt werden, WEIL sie sind wie sie sind und NICHT TROTZDEM. Ich wünsche mir, dass sie geliebt werden, DAMIT sie eine gute Zukunft haben und nicht, weil sie etwas mitgebracht haben, das man zu einer guten Zukunft zurechtfördern kann.

Mein Sohn hat einen Freund, der Autist ist. Ich liebe diesen Jungen. Ich vermisse ihn, wenn wir uns eine Weile nicht gesehen haben, bin neugierig, wie er sich entwickelt, bin gerne in seiner Nähe und finde, dass wir uns in letzter Zeit zu selten treffen. Und ja, manchmal finde ich ihn auch anstrengend. Ich liebe dieses Kind. Aber das war keine Liebe auf den ersten Blick.

Als der Junge das erste Mal auf dem Geburtstag meines Sohnes war, war ich echt schockiert. Es gab die Diagnose damals noch nicht, aber er fiel auf. Er redete unfassbar kluge Sachen, wusste mit 3 schon Dinge von denen ich keine Ahnung hatte und war wenig empathisch (um es mal vorsichtig auszudrücken). Inzwischen hat sich viel getan.

Wir haben ihn über den Kindergarten kennengelernt. Über die Jahre ist eine tiefe Freundschaft zwischen seiner Mutter und mir entstanden. Ich weiß, dass du das liest. Also sei an dieser Stelle gegrüßt. Danke, dass du mir eine Freundin und eine Ermutigerin bist. Danke, dass du mich liebst wie ich bin, mich ermutigst Dinge zu tun, die ich mich nicht traue und mich teilhaben lässt an eurem Leben.

Egal wie schwierig es manchmal ist, egal wie herausfordernd und egal wie viele Sorgen wir uns machen, wir lieben unsere Kinder. Das hat Gott in unser Herz gelegt. Er, der selbst die Liebe ist, hat uns diese besondere Liebe für unsere Kinder geschenkt. Diese Elternliebe ist unersetzlich. Niemand kann mein Kind so lieben wie ich. Aber ein Kind braucht mehr Annahme und Liebe, als die der eigenen Eltern. Es ist so wichtig für die Entwicklung, dass man sich geliebt und angenommen weiß – nicht geduldet und toleriert. Kinder spüren das sofort. Sie wissen, ob sie aus tiefstem Herzen willkommen sind oder toleriert werden. Sie spüren, wenn wir freundlich lächelnd innerlich die Augen verdrehen. Sie spüren, wenn wir unsicher sind, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten sollen. Selbst wenn wir kein Wort sagen, spüren sie Annahme und Ablehnung. Auch die Eltern, die Tag für Tag für ihre Kinder mit Ämtern und Lehrern kämpfen, sich um Schadensbegrenzung bemühen oder sich für ihr Kind rechtfertigen und entschuldigen müssen, brauchen Andere, die das Kind einfach so lieben.

Wahre Annahme und Liebe führt dazu, dass wir uns sicher fühlen, dass wir den Mut bekommen Neues zu wagen, uns zu entwickeln. Egal in welchem Alter. Während eine stille Ablehnung, genau wie bemühte Integration oder oberflächliche Toleranz, dafür sorgen, dass wir nicht glauben jemals das zu schaffen, was andere tun oder erwarten. Die meisten Menschen kennen das Gefühl nicht gut genug oder nicht richtig zu sein. Wir alle kennen Selbstzweifel und Menschenfurcht. Wie geht es dann denen, die auch noch Fakten haben, die das unterstreichen, die optisch sichtbar anders sind oder ständig therapiert und ärztlich behandelt werden, die es schwarz auf weiß haben, dass sie unheilbar sind und nie ein „normales“ Leben führen werden?

Gott fordert uns in der Bibel mehrfach auf, uns für die Unterdrückten, die Außenseiter, die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Fremden, die Witwen und Waisen einzusetzen. Er wünscht sich, dass wir sie lieben und für sie sorgen. So wie Jesus keine scheu vor den Menschen am Rand der Gesellschaft hatte, so wie er sich nicht mit den Beliebten und Klugen und Erfolgreichen umgeben hat, dürfen auch wir sein. Das wird nicht nur eine Bereicherung für diese Menschen sein, sondern noch viel mehr für uns. Wenn wir Liebe schenken, bekommen wir immer viel mehr zurück. Wir opfern keine Liebe, vielmehr investieren wir Liebe. Wir legen sie an, investieren sie gut in Andere und bekommen sie mit Zins und Zinsenszins zurück. Eine garantiert gute Investition!

Wie kann ich diesen Jungen lieben, der bei seinem ersten Besuch, sich meinen Kindern auf den Kopf gesetzt hat und den Eindruck gemacht hat, als wäre es ihm egal, dass sie weinen? Ich habe mich dafür entschieden! Ich habe mich dafür entschieden gut von ihm zu denken, gut über ihn zu reden, das Gute in ihm zu suchen, seine Eltern zu ermutigen und ihn zu lieben. Und dann kamen die Gefühle nach. Nicht trotz seiner Auffälligkeiten, nicht weil er bestimmte ausgeprägte Stärken hat (die der Wahnsinn sind!), sondern DAMIT er sich geliebt fühlt, DAMIT er sich gesehen und gehört und willkommen fühlt. DAMIT er mutig in die Zukunft gehen kann und seinen Weg und Platz findet.

Er ist für mich wie ein vierblättriges Kleeblatt. Jedes Kleeblatt ist einzigartig. Keines ist identisch wie das andere. Gottes Kreativität ist grenzenlos. Er hat nicht ein Kleeblatt, einen Grashalm oder eine Schneeflocke gemacht und unzählige Male kopiert. Jedes Kleeblatt ist einmalig. Genau wie jeder Mensch. Bei Menschen umgeben wir uns gerne mit denen, die „normal“ sind. Aber wenn wir im Gras sitzen, suchen wir nach dem abnormalen, dem entstellten, dem Kleeblatt, das eine Missbildung hat. Wir suchen nach dem besonderen Kleeblatt. Wir freuen uns, wenn wir so eines finden. Wir trocknen es, schauen es uns immer wieder an und bewahren es auf. Wir zeigen es anderen und erzählen von dem unglaublich wertvollen Fund.

Vielleicht gelingt es uns, uns dafür zu entscheiden, den nächsten besonderen Menschen, dem wir begegnen wie ein vierblättriges Kleeblatt zu sehen. Wir wären überrascht, wie die Reaktion von diesem Menschen und seinen Angehörigen ausfallen würde.

Lasst uns auf der Wiese des Alltags nach diesem wertvollen Kleeblatt suchen!

3 Kommentare zu „Von Integration, Miteinander leben und Liebe

  1. Das hast du wundeschön gesagt! Danke! Ja, lasst uns die vierblättrigen Kleeblätter erkennen!
    Ich hab mich in meinem Leben auch lange mit dem „Normalitätsproblem“ beschäftigt, wollte immer wissen, wie ich sein muss, um als „normal“ zu gelten. Dieses Problem begann sich erst dann zu lösen als ich Gott als unseren Schöpfer kennenlernte, der „normal“ gar nicht in seinem Creator-Koffer hat! Er hat dort nur „einzigartig“, „individuell“, „schön“, „besonders“ etc. Es war nie unsere Bestimmung „normal“ zu sein! Das entlastet doch ganz schön von diesem Anspruch, oder? In einer Predigt sagte mal jemand: Du kannst gar nicht normal sein, denn Jesus lebt in dir! Das fand ich ziemlich cool!

    Gefällt mir

    1. wow. Ja, das ist ein cooler Spruch. Den muss ich mir merken:

      „Du kannst gar nicht normal sein, denn Jesus lebt in dir!“

      Richtig gut. Ich kenn das Gefühl. Ich wollte auch immer dazu gehören, normal sein. Irgendein normal. Entweder ein normaler Christ oder eine normale Schülerin oder wenigstens normal begabt. Also musikalisch oder sportlich oder so. Ich wollte in eine normale Schublade passen, aber es gab keine, die ich normal fand und in die ich gepasst hätte. Seit mir das egal ist und ich versuche mehr auf Jesus zu schauen, entdecke ich wie viel kreativer und vielfältiger er ist und wie langweilig mein Bild von „normal“ ist. Ich will nicht mehr normal sein, sondern Jesus ähnlich!

      Hab einen gesegneten Tag!

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, ging mir ähnlich! Aber im Grunde genommen wollen wir Jesus ja alle möglichst nah sein. Da, wo wir versuchen, so zu sein wie andere (normal) können wir das aber nicht, weil er UNS nah sein will und nicht jemand anderem. Da, wo wir sind, wie wir sind, da sind wir Ihm am nächsten und da strahlt auch das höchste Maß an Schönheit aus uns heraus!
        Ich wünsche dir auch einen gesegneten Tag!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s